Matthias Brunner

Magnificent Obsession - The Love Affair Between Movies And Literature
12. Februar – 3. April 2013

Galerie Nolan Judin freut sich, anlässlich der Internationalen Filmfestspiele Berlin die Videoinstallation Magnificent Obsession – The Love Affair Between Movies and Literature (2011/2012) des Schweizer Cinéasten und Künstlers Matthias Brunner präsentieren zu dürfen – eine sinnreiche und sinnliche Kompilation von Clips aus 36 Meisterwerken des europäischen und amerikanischen Kinos der 50er- und 60er-Jahre in Vierfachprojektion.

Die Liebesgeschichte zwischen Film und Literatur ist fast so alt wie die Kinogeschichte selbst. Bereits 1896 drehte Louis Jean Lumière einen kurzen Faust und auch der vielleicht schönste Film der goldenen Ära des Stummfilms, F. M. Murnaus Sunrise von 1927, basierte auf einer literarischen Vorlage - einer nicht besonders guten Novelle von Hermann Sudermann. Das war kein Einzelfall: Die Liste von großartigen Filmen, die auf zweitklassiger Literatur basieren, ist fast so lang wie die von schlechten Verfilmungen großer Literatur. Bedeutende Regisseure sind an den Werken von Marcel Proust, James Joyce, Albert Camus, Gabriel Garcia Marquez und Patrick Süskind gescheitert.

In keiner Epoche war die Liebesaffäre zwischen Kino und Literatur so innig wie zur Zeit der Nouvelle Vague. Verfilmt wurden ab den späten 50er Jahren Bücher von Autoren wie Alberto Moravia, Ray Bradbury, Henri-Pierre Roche, Adele Hugo, Marguerite Duras, Alain Robbe Grillet, Jean Cayrol, Jorge Semprun und Dolores Hitchens. Paradoxerweise, denn eigentlich war die Nouvelle Vague das Kino der Filmautoren, die antraten um mit eigenen Stoffen und Drehbüchern den vorhersehbaren Erzählfluss des kommerziellen Kinos zu überwinden. Aber selbst wenn diese Regisseure keine (fremden) Werke der Literatur verfilmten, strahlen ihre Filme die Liebe zu Büchern aus. Sei es als Spielerei wie in Une femme est une femme, als philosophischer Diskurs wie in Masculin-Feminin mit Brigitte Bardot oder als Ehrerweisung an den „petit policier“, wie in Bande à part (alle drei von Jean-Luc Godard). Am heftigsten kommt dies vielleicht in Les quatre cents coups von François Truffaut zum Ausdruck, in dem sich der jugendliche Jean-Pierre Léaud so leidenschaftlich mit Honoré de Balzac auseinandersetzt, dass er sein Schlafzimmer in Flammen aufgehen lässt. Passenderweise erhielt Truffaut dafür eine Oscar-Nominierung für das beste Drehbuch.

Die Filme der Nouvelle Vague sind das Herz dieser Installation. Und weil keine „Welle“ ohne eine frühere entspringen kann, werden Ausschnitte aus dieser Epoche mit Filmen von Hollywood-Regisseuren in Dialog gestellt, die als die großen Väter der Nouvelle Vague gelten. Es sind Literaturverfilmungen der verehrten Meisterregisseure Alfred Hitchcock (The Birds, Marnie), Douglas Sirk (Magnificent Obsession, All That Heaven Allows, Imitation of Life), Elia Kazan (Splendor in the Grass), Vincente Minnelli (Some Came Running), Blake Edwards (Breakfast at Tiffany), Joseph Losey (Secret Ceremony) und Howard Hawks (Hatari!). Aber auch in Europa hatten die Regisseure der Nouvelle Vague Vorbilder: Max Ophüls (Letter To An Unkown Woman, Lola Montez), Luis Buñuel (Journal d’une femme de chambre, Belle de jour), Jean-Pierre Melville (Leon Morin Pretre), Luchino Visconti (Il Gattopardo), Jean Cocteau (Orphée) oder Rene Clement (Plein soleil).

Bei der Durchsicht von hunderten von Filmen der 50er und 60er Jahre fiel Matthias Brunner auf, dass zur gleichen Zeit, in der sich die Nouvelle Vague leidenschaftlich und auch spielerisch mit Literatur auseinandersetzte, das amerikanische Kino sich zwar gerne bei der Literatur Stoffe borgte, dies aber oft ohne tiefere Auseinandersetzung mit den Vorlagen und ohne anregende Spielerei mit den Texten tat. Die Liebeserklärung blieb aus. Nur wenige amerikanische Regisseure - wie Douglas Sirk, Joseph J. Mankjewicz, John Huston, Vincente Minnelli oder Elia Kazan - bedienten sich der ganzen Macht von Büchern und wurden ihnen gerecht. Es ist wohl kein Zufall, dass diese Regisseure alle starke europäische Wurzeln aufwiesen.

Mit seiner Installation Magnificent Obsession geht es Brunner jedoch keineswegs um eine analytische Bearbeitung des Themas oder um eine „Wertung“ der so unterschiedlichen Filme. Er vermeidet die Aneinanderreihung von stereotypen Themen und den konfrontativen Vergleich von europäischem und amerikanischem Kino. Magnificent Obsession ist eine stark assoziative, leidenschaftliche und poetische Kompilation von Szenen aus 36 Filmen, die Reichtum und Vielschichtigkeit der Vermählung von Film und Literatur zu vermitteln versucht.

Bei den klassischen amerikanischen Literaturverfilmungen hat Brunner nicht ausschließlich Szenen mit Büchern ausgesucht, da ihm die Autoren der Vorlagen bereits Referenz genug sind und ihm andere Szenen wichtiger erschienen (so zum Beispiel in Magnificent Obsession, A Place in the Sun, Secret Ceremony).

Bei den Filmen der Nouvelle Vague empfand er es hingegen als fast zwingend, sich auf Szenen zu konzentrieren, in denen Bücher, Texte oder Autoren direkt vorkommen, da diese Filme stark auf solchen Schlüsselszenen basieren.

Brunner hat sich bemüht, möglichst viele Aspekte des Themas „Buch“ in seiner Kompilation zu zeigen: das Schreiben (Malle) und Drucken (Truffaut), der Gang in die Buchhandlung (Ophüls), das Reklamieren der Buchempfehlung des Buchhändlers (Demy), das Buch als Schaufensterauslage (Truffaut), die Bücherverbrennung (ebenfalls Truffaut), das Lesen (Sirk, Godard, Truffaut), die Begegnung in einer Bibliothek (Edwards), die Interpretation eines Textes (Kazan) oder die Liebkosung eines Gedichts durch die Kamera (Godard).

Der Betrachter hört den Ton von nur einem der vier zeitgleich gezeigten Filme. Brunner wählte den Soundtrack des jeweils wichtigsten Ausschnitts – aber so, dass laufend neue und unerwartete Querverbindungen zwischen den Filmen entstehen. Es sind diese intelligenten und zugleich verspielten Querverbindungen, die vom enormen Wissen Brunners und seiner persönlichen „magnificent obsession“ zeugen.

Die Installation befindet sich im Besitz der Video-Sammlung des Kunsthauses Zürich.