Der von der britischen Presse als ‚neuer Star‘ der zeitgenössischen Londoner Kunstszene gefeierte Oliver Clegg (geb. 1980) hat sich den Ruf eines vielseitigen Künstlers erworben, dessen minutiös ausgeführte Arbeiten zwischen Zwei- und Dreidimensionalität schweben. Als meisterhafter Zeichner und geübter Maler ist Clegg puristisch im Hinblick auf die Benutzung natürlichen Lichts, und geradezu besessen von der Qualität seines Arbeitsmaterials – ganz gleich ob er malt, zeichnet, stickt oder auf Druckplatten ätzt. Gleichzeitig ist Clegg dabei aber auch einer der momentan am konzeptionellsten arbeitenden jungen Künstler, wovon sein Spiel mit Sprache, Narrativen und Erinnerung, sowie seine Benutzung des Symbolischen und Surrealen beredtes Zeugnis ablegen.
Das Motiv des Spiels zieht sich durch Cleggs gesamtes Werk hindurch, am offensichtlichsten in seinen Gemälden ausrangierten Spielzeugs, welche er auf gefundenen Zeichenbrettern ausführt. Dabei erzählen die Objekte einerseits von der Sehnsucht nach der Vergangenheit, beschwören aber auch den Moment, in dem ein Kind die einstmals geliebte Kuscheldecke oder das Spielzeug ‚aufgibt‘. Obwohl es ‚nur’ ein Gegenstand ist, der zu verschwinden scheint, geht dabei doch sehr viel mehr verloren. Freuds Essay über den „Dichter und das Phantasieren“, in dem er behauptet, dass die fantastische Welt des Kindes für den Erwachsenen zwar verloren sei, von Dichtern und Künstlern in ihren Arbeiten jedoch am Leben erhalten werden könne, ist von zentraler Bedeutung für Clegg: denn es erinnert ihn daran, dass es möglich ist, ‚offen’ zu bleiben.
Allerdings ist Clegg nicht nur vom Spiel fasziniert, sondern auch von den Möglichkeiten, welche ihm Literatur, Dichtung und Sprache eröffnen. So entdeckte er etwa, während er 2008 an einer Ausstellung im Londoner Freud-Museum arbeitete, die Gedichte und Dramen Heinrich Heines. Dieser war es, der 1821 schrieb: „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ Clegg hat ein Gespür für die Bedeutung, die alltägliche Gegenstände durch die Hand des Schriftstellers oder Künstlers gewinnen. Mit dieser Art des Recycling begann Clegg bereits auf der Kunsthochschule, wo er alte Zeichnungsunterlagen sammelte, die er für ihre Einritzungen und Kritzeleien schätzte. Was ihm daran gefällt, ist dass ihnen eine besondere Geschichte anhaftet, die mit dem Leben eines anderen Menschen verknüpft ist. Durch seine Arbeit an und mit diesen Gegenständen erlaubt er dem Betrachter, zwischen Erzählungen und Welten hin und her zu wandern, bekannte Bezüge mit neuen Bildern zu kombinieren oder auch gänzlich neue zu schaffen – ganz im Sinne von Duchamps Diktum: „der Betrachter macht das Bild.“
Vor kurzem verlor Clegg seinen Vater, dem er sehr nahe stand. Der Künstler glaubt, dass dieses Ereignis und sein 30. Geburtstag ihn gezwungen haben, sich der Zerbrechlichkeit und Kürze des Lebens zu stellen. Da er Wortspiele mit verschiedenen Sprachen liebt, kommt er immer wieder auf das französische Wort für Schlaflied –„berceuse“ – zurück, als Ursprung neuer Arbeiten. Der besänftigende klangbildliche Charakter des Wortes imitiert den Klang eines Vaters oder einer Mutter, die ihr Kind ins Land der Träume schicken. Für den Künstler sind Träume wichtig, insofern sie einen Raum erschaffen, der auf halbem Wege liegt zwischen dem Realen und dem Surrealen, und er fühlt sich in der Tat der surrealistischen Idee der ‚Harmonie des Disharmonischen‘ verpflichtet.
Ein gefühlsbeladener Gegenstand – ein Tagebuch, ein abgegriffener Roman, ein Schreibpult, eine Mitgift-Truhe, ein Schachbrett oder selbst die Bodendiele aus einer säkularisierten Kirche – veredelt sich unter Cleggs Händen. Die für ihn typische Behutsamkeit, die sich in geduldiger Bearbeitung und handwerklichem Können zeigt, vermitteln seine Ehrfurcht vor der Vergangenheit, sowie ein Gefühl der Verantwortung. Die Frage nach dem, was die Gegenwart der Vergangenheit schuldig ist, und nach dem Ende, welches einen jeden erwartet, ist typisch für die Malerei des Barocks und was man sonst mit dieser Ära zu verbinden gewohnt ist: Vanitas, Chiaroscuro und ein dramatisches Gespür für das Theater, wo der Tod beständig auf seinen Auftritt wartet. All dies findet Widerhall in Cleggs Arbeiten. Das Leben – eine Schaukel, die zwischen Tragödie und Komödie hin und her schwingt – zieht sich lebhaft durch das Werk des Künstlers, sei es in Gestalt einer kühnen Linie, einer gekratzten Kerbe oder eines zarten Fadens; es ist eine Kraft, die Vergangenheit und Zukunft ebenso miteinander verknüpft wie das Surreale und Reale.
Jane Neal
